Das 4. hermetische Prinzip: Das Prinzip der Polarität

Mit diesem Beitrag setzen wir unsere Reise durch die 7 hermetischen Prinzipien fort – jene alten Weisheiten, die versuchen, grundlegende Gesetzmäßigkeiten des Lebens zu beschreiben.

Das vierte hermetische Prinzip lautet:

„Alles ist zweifach; alles hat Pole; alles hat sein Paar von Gegensätzen.

Viele Dinge, die wir als Gegensätze wahrnehmen, sindzwei Pole derselben grundlegenden Qualität. Sie unterscheiden sich nur im Grad, nicht in ihrer Art.

Das klassische Beispiel ist warm und kalt. Beides beschreibt Temperatur. Wo genau hört „kalt“ auf und wo beginnt „warm“? Dazwischen liegen unzählige Abstufungen. Ähnlich verhält es sich mit hell und dunkel, laut und leise oder Nähe und Distanz.

Oft wird uns ein Pol gerade durch seinen Gegenpol besonders bewusst: Wärme empfinden wir anders, wenn wir Kälte kennen, Helligkeit anders im Vergleich zur Dunkelheit.

Was bedeutet das für unseren Alltag?

Auch im täglichen Leben denken wir schnell in Gegensätzen: gut oder schlecht – richtig oder falsch – Erfolg oder Misserfolg – Stärke oder Schwäche. Doch die Wirklichkeit ist häufig differenzierter.

Das Prinzip der Polarität lädt uns deshalb dazu ein, nicht nur die beiden Extreme wahrzunehmen, sondern auch die vielen Abstufungen und Schattierungen dazwischen.

Eine Eigenschaft, die wir in einer Situation als Schwäche erleben, kann in einer anderen hilfreich sein. Eine Erfahrung, die wir zunächst ausschließlich negativ bewerten, kann später im Leben eine andere Bedeutung bekommen.

Nicht alles ist nur entweder – oder. Manchmal lohnt es, sich zu fragen: Was liegt eigentlich dazwischen?

Gegensätze müssen uns nicht trennen

Gerade in gesellschaftlichen Diskussionen erleben wir häufig, wie schnell unterschiedliche Standpunkte zu scheinbar unvereinbaren Gegensätzen werden.

Die Pandemie hat dies deutlich gezeigt. Aber auch bei politischen Überzeugungen, Migration oder anderen gesellschaftlichen Fragen entstehen rasch Lager: „Wir“ und „die anderen“. „Richtig“ und „falsch“. „Dafür“ oder „dagegen“.

Im Kybalion heißt es auch: „Alle Wahrheiten sind nur Halbwahrheiten; alle Paradoxa können versöhnt werden.“ Zwischen zwei extremen Positionen liegt meist ein breites Spektrum an Erfahrungen, Beweggründen, Meinungen und Zwischentönen. Wir können unterschiedlicher Meinung sein und trotzdem miteinander sprechen. Wir können Gegensätze erkennen, ohne daraus Feindschaft entstehen zu lassen. Manchmal hilft eine einfache Frage: Was sieht der andere, was ich gerade nicht sehe?

Gedanken zum Mitnehmen
  • „Wo viel Licht ist, ist starker Schatten.“

Johann Wolfgang von Goethe, „Götz von Berlichingen“

  •  „Ohne Gegensätze gibt es keinen Fortschritt.“

William Blake, „Die Hochzeit von Himmel und Hölle“

Impulse zum Nachdenken

👉 Erinnerst du dich an eine Situation, die sich zunächst wie eine Katastrophe angefühlt hat – und die sich im Nachhinein als wertvoll, vielleicht sogar als großes Glück erwiesen hat?

👉 Welche deiner Eigenschaften kann – je nach Situation – sowohl Stärke als auch Schwäche sein?

👉 Wo hast du schon erlebt, dass zwei scheinbar gegensätzliche Gefühle gleichzeitig da sein können – etwa Freude und Traurigkeit oder Nähe und Freiheitsbedürfnis?

Übung: Das Spektrum zwischen den Polen

Wähle ein Gegensatzpaar, das in deinem Alltag gerade eine Rolle spielt, zum Beispiel:

Nähe – Distanz, Anspannung – Entspannung, laut – leise oder Zustimmung – Ablehnung.

Zeichne eine Linie und schreibe den einen Pol an das linke Ende und den anderen an das rechte Ende.

Überlege dir nun drei mögliche Zwischenstufen und trage sie auf der Linie ein.

Frage dich anschließend: Wo auf dieser Skala befinde ich mich gerade? Vielleicht stellst du fest, dass du dich gar nicht an einem der beiden Extreme befindest, sondern irgendwo dazwischen. Genau darum geht es beim Prinzip der Polarität: Zwischen zwei Polen liegt ein ganzes Spektrum.

Ausblick

Im nächsten Beitrag beschäftigen wir uns mit dem 5. hermetischen Prinzip – dem Prinzip des Rhythmus. Dann geht es nicht mehr um die Pole selbst, sondern um die Bewegung zwischen ihnen.

Zum Nachlesen

Einführung – Die 7 hermetischen Prinzipien

1. Prinzip – Geistigkeit

2. Prinzip – Entsprechung

3. Prinzip – Schwingung

Die heute bekannten 7 hermetischen Prinzipien wurden vor allem durch das 1908 erschienene Kybalion bekannt. Ihre Wurzeln reichen jedoch weiter zurück zur hermetischen Tradition und zu den Schriften des Corpus Hermeticum, einer Sammlung antiker Texte, die Hermes Trismegistos zugeschrieben werden.